22 März 2006

„Süß ist der erste Jude, der bewußt in den Gang der deutschen Geschichte eingegriffen hat."
— Selma Stern ---
„Jud Süß", Geschichte(n) einer Figur
Die Wanderausstellung wird vom 10. Juni bis zum 20. August 2006 in der St. Jacobi-Kirche Göttingen zum ersten Mal zu sehen sein. Bei Interesse an der Ausstellung oder Nachfragen wenden Sie sich bitte an:
Miriam Hesse
Jacobikirchhof
237073 Göttingen
miriam_hesse@gmx.de
Tel 0551 - 488 6743
Fax 0551 . 488 6745
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
Dr. Bettina Kratz-Ritter
Geschäftsstelle:Henri-Dunant-Straße 5
237075 Göttingen
vorstand@gcjz-goettingen.deKonzeption und
Umsetzung der Ausstellung „Jud Süß"– Geschichte(n) einer Figur entstehen in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Göttingen, der St. Jacobi-Gemeinde Göttingen sowie der Georg-August Universität Göttingen. Die Ausstellung umfasst vier thematische Bereiche:
1. Der historische Joseph Süß Oppenheimer
2. Die literarisch-historische Auseinandersetzung um „Jud Süß" bis in die 1920er Jahre
3. Der Film „Jud Süß" von Veit Harlan (1940)
4. „Jud Süß" – eine umstrittene Figur bis heute?

05 März 2006


Richard L Merritt
(8. August 1933 - 19. November 2005)


Anna und Richard habe ich 1963 bei Gerhard Maletzke kennengelernt, und im Sommer 2004 haben die beiden uns zum letzten Mal besucht. Ich besitze von dem Paar einige Briefe, Manuskripte, Bücher und Fotos in meiner Sammlung. Ich möchte das eine oder andere Erinnerungsstück elektronisch reproduzieren und dabei Beobachtungen nachgehen, so wie ich das auch zu Richards Lebzeiten getan hätte.

Ich beginne mit Walter Benjamin, der in seinem Kunstwerk-Aufsatz (Gesammelte Schriften, Band I, [2], S. 437) schreibt, dass das Hier und Jetzt des Originals den Begriff seiner Echtheit ausmache, und auf deren Grund ihrerseits die Vorstellung einer Tradition liege, welche dieses Objekt bis auf den heutigen Tag als ein Selbes und Identisches weitergeleitet hat. Der gesamte Bereich der Echtheit entziehe sich aber der technischen - und natürlich nicht nur der technischen - Reproduzierbarkeit. Damit gehe auch die Aura des Originals verloren. Ich habe Zweifel an der Folgerichtigkeit dieses Gedankens, wenn ich mir die unten eingescannten Farbfotografie ansehe. Sie wurde 2004 in Berlin aufgenommen und zeigt Richard, Anna und mich. Ich besitze davon eine Papierfassung, die mir Anna schickte. Zusammen mit dem Briefumschlag ist sie mein Original und besitzt die Aura eines besonderen Abends mit einem sehr langsamen Dick und einer behutsamen Anna. An diese Aura des Papierfotos erinnert mich auch das Foto auf dem Bildschirm, das allerdings von einer anderen Aura umgeben ist, von einem nachdenklichen Abend am Schreibtisch im März 2006.



02 Januar 2006

Ein Mozart unter den Mimen

"Du warst heiter, strahlend, harmonisch und anmutig --
aber mozartisch immer,
das heißt, vor einem dunklen tiefen Hintergrund!"
Axel von Ambesser, Grabrede

Ferdinand Marian
zum 60. Todestag
am 9.August 2006

26 Dezember 2005

Weihnachtsgeschenke 2005
Gerald Lamprecht (Hrsg.): Jüdisches Leben in der Steiermark. Marginalisierung, Auslöschung, Annäherung. Innsbruck 2004 (=Schriften des Centrums für Jüdische Schriften, Bd. 5). - Von H.

Frank Otto: Der Bankier des Fürsten. In: GEO-EPOCHE. Das Magazin für Geschichte, Hamburg 2005, Nr. 20, S.80-92. -Von B.

Hu Wei: Der Ewige Jude Ahasver. Das Judentum in Ernst Tollers "Eine Jugend in Deutchland". In: Zhang Yushu (Beijing), Winfried Woesler (Osnabrück), Horst Thomé (Stuttgart) (Hrsg.): Literaturstraße. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur, Beijing 2001, Bd. 2, S.169-184. Von B.

Fritz Hippler: Betrachtungen zum Filmschaffen. Mit einem Geleitwort von Prof. Carl Froelich und einem Geleitwort von Emil Jannings. Berlin 1942 ( = Schriftenreihe der Reichsfilmkammer, Band 8). Von F.

Er schreibt auf Seite 107 über das "happy end" den makabren Satz: "Im übrigen ist die Inhaltsmöglichkeit des 'happy end' vielfältiger als man denkt; es kann beispielsweise in dem Kuß eines eines Liebespaares bestehen oder im Tod der'Amelie', die sich mit ihrem Mann wieder vereint, auf der anderen Seite aber auch imAufhängen des 'Jud Süß' u.a.m."

11 Dezember 2005


Thomas Henne
Der Umgang der Justiz mit Veit Harlans "Jud Süß" seit den 1950er Jahren: Prozesse, Legenden, Verdikte
Vortrag und Vorstellung des Buches: Das Lüth-Urteil aus (rechts-) historischer Sicht, Berlin 2005, auf der Jahrestagung der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust vom 12. - 14. Janurar 2006 in Frankfurt am Main.

01 Dezember 2005

Sammlung Gisela Uhlen

Die Schauspielerin (Jahrgang 1919) vermachte 2005 ihr Archiv dem Filmmuseum in Potsdam. In meiner Sammlung befinden sich ebenfalls Fotos, Reklame-Mappen, Zeitungsausschnitte, Programmhefte, Filmzeitschriften und Videos zu Gisela Uhlen. Sie spielte 1939 die Tochter von Käthe Dorsch und Ferdinand Marian in dem Spielfilm "Morgen werde ich verhaftet". Marian ist der Konzertmeister Friedrich Burger, der sich auf der Flucht befindet, weil er für den Mörder der schönen Sängerin Giannina Belloni gehalten wird und deshalb verhaftet werden soll.

30 November 2005

Henryk M. Broder, Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Berliner Taschenbuch Verlag 2005.

Broders Berliner Vorwort zur Neuauflage des 1985 in Jerusalem geschriebenen Buches erinnert an einen ebenfalls lesenswerten Artikel, den Karl Kraus 1898 in Bad Ischl schrieb. Kraus: "Einer der Herren, die sich jetzt als Geschichtsanwälte des jüdischen Volkes aufwerfen und mit seltsam gen Sonnenaufgang verdrehten Augen für die Rückkehr aller übrigen Juden nach dem Stammland Palästina agitieren, ersuchte mich vor einiger Zeit, einen kleinen Beitrag zu jenen Zwecken beizusteuern, die man zionistische oder mit einem guten alten Wort antisemitische nennt." Der k.u.k. Satiriker gab seiner Beobachtung den Titel: "Eine Krone für Zion". Broder lässt seine bundesdeutschen Antisemiten werben: "Juden, wehrt euch, der Zionismus ist euer Unglück!"


Knef - Die frühen Jahre. Ein Film von Felix Moeller. Redaktion: Felix Kuballa. Freitag, den 25. November 2005, 23.30 bis 00.30, WDR.
Ein einfühlsamer Reporter. Er läßt in jedem Interview ahnen, wie schmal der moralische Pfad für die junge Knef nach oben war, aufzusteigen zu einem Filmstar mit international anerkannter Reputation zwischen Naziflittchen und "Judenhure".

31 August 2005

Shylock
ein "Wienerischer Hans Wurst"

Der Hanswurst ist eine derb-komische Figur des Volkstheaters und der Wanderbühnen. Nach dem Vorbild von Harlekin und Pickelhering schuf Joseph Stranitzky um 1710 die Figur des "Wienerischen Hans Wurst", die durch G. Prehauser und J. F. von Kurz ("Bernardon") weiterentwickelt wurde; J.J. La Roche kreierte den "Kasperl", A. Hasenhut den "Thaddädl", A. Bäuerle den Parapluiemacher "Staberl". Der Kampf von J.von Sonnenfels gegen Stegreifkomödien und possenartige Hanswurstspiele führte zwar zum Zensurerlass Maria Theresias, doch behaupteten sich Hanswurstfiguren bis in das 19.Jahrhundert (F. Raimund, J. Nestroy) auf den Wiener Bühnen. In den Jahren des Hanswurstverbotes übernahmen die meisten Komiker die Judenrollen in den Lustspielen. In diese Tradition stellte Werner Krauß seinen Shylock 1923 in dem Stummfilm "Der Kaufmann von Venedig", in dieser Tradition stehen auch seine Judenrollen 1940 im "Jud Süß", und eine Lustspielfigur ist auch sein Shylock 1943 auf der Bühne des Burgtheaters, inmitten des Holocaust. Auf diese Perversion geht Klaus Dermutz ein in seinem Aufsatz "Das unheimliche Gefühl für Kontinuität. Das Burgtheater zwischen 1938 und 1945 und von 1945 bis 1955 - eine Bühne macht weiter" (Theater heute (Nr.8/9 2005, S. 38-55).

30 August 2005

Neue Bücher


Offermanns, Ernst: Die deutschen Juden und der Spielfilm der NS-Zeit. Peter Lang Verlag 2005

Seifener, Christoph: Schauspieler-Leben. Autobiographisches Schreiben und Exilerfahrung. Peter Lang Verlag 2005

Stern, Carola: Auf den Wassern des Lebens. Gustav Gründgens und Marianne Hoppe. Kiepenheuer & Witsch 2005

12 August 2005

„Jud Süß“ und „König Ottokars Glück und Ende“
Aus einem Interview von Peter von Becker mit dem Salzburger Schauspieldirektor Martin Kušej

Peter von Becker: Im Schauspielprogramm hat jetzt Ihre eigene Neuinterpretation von Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ Premiere. Mit diesem Drama wurde 1955 in Wien, gleichsam als kultureller Staatsakt zur wiedergewonnenen Unabhängigkeit Österreichs, das im Krieg zerstörte Burgtheater wiedereröffnet. Mit Werner Krauß als Habsburgherrscher, also jenem Protagonisten, der unter den Nazis im „Jud Süß“-Film und als Shylock am Burgtheater Juden als antisemitische Karikaturen gespielt hatte. 50 Jahre nach dieser theatralen Verdrängungsfeier hat Ihr „Ottokar“ wohl einige symbolische Bedeutung?
Martin Kušej : Ich werde mit dem Grillparzer gewiss eine harte, nichts verdrängende Geschichte erzählen. Wir wollen den Kokon von Missinterpretation, von Verklärung und idealistischer nationaler Identitätsstiftung durchstoßen. Der „Ottokar“ gilt als eine Art österreichischer Gründungsmythos …… im Kern geht es um den Triumph Rudolf von Habsburgs über den „barbarischen“ Böhmenkönig Ottokar, in Salzburg von Michael Maertens und Tobias Moretti gespielt …… ja, und ich möchte mit unseren Schauspielern zeigen, dass Grillparzer den Habsburgkaiser nicht einfach nur als Heilsgestalt für einen österreichisch dominierten Vielvölkerstaat entworfen hat. Grillparzer hatte sich über diese Sicht schon bei der Uraufführung 1825 aufgeregt. In Ottokar und Rudolf sind zwischen Hybris und Harmonie-Sehnsucht, zwischen neoliberaler Dynamik und konservativer Beschwichtigung viele Züge auch heutiger politischer Widersprüche eingeschrieben. Das ist der wirklich spannende Subtext des Stücks. Den wollen wir heben wie einen versunkenen Schatz. Ohne pseudoaktuelle, besserwisserische Kommentare von außen.

Quelle: Der Tagesspiegel, Berlin am8.8.2005